 Die Nutzfahrzeuge und Militärfahrzeuge  Den Anfang machte ein Kleinlaster Seit Jahrzehnten werden bei Lancia neben Automobilen auch Lastkraftwagen produziert. Den Anfang macht ein Kleinlaster, der 1911 auf dem Chassis des Eta entsteht. Das erste echte Nutzfahrzeug, der Leichtlastkraftwagen 1Z, erblickt jedoch erst ein Jahr später das Licht der Welt. Der Motor ist ein kraftvoller Vierzylinder mit fünf Liter Hubraum und einer Leistung von 70 PS. Das Heer setzt eine ganze Reihe dieser Laster erfolgreich im Libyen-Feldzug ein, wo er auf den harten afrikanischen Pisten auf die Probe gestellt wird. Auf der Basis des Lasters wird der ausgesprochen luxuriöse Theta entwickelt, der zu dieser Zeit als eines der besten Autos der Welt bezeichnet wird. Eine Tatsache, die mehr als Worte etwas über die Qualität der Lastkraftwagen von Lancia aussagt. Der während des Ersten Weltkrieges von 1915 bis 1918 eingesetzte Z erhält kurz vor Ausbruch des Krieges und währenddessen Rückendeckung von den Modellen „Jota“ und „Djota“. Es kehrt wieder Friede ein, was für die italienischen Automobilhersteller jedoch einige Probleme mit sich bringt. Die Bestellungen durch das Militär bleiben aus und die Strassenschwertransporte im zivilen Handelsbereich sind noch insignifikant. Erschwerend kommt hinzu, dass die Armee den Zivilisten die so genannten „Restbestände aus dem Krieg“ überlässt. Vincenzo Lancia glaubt jedoch fest an die Zukunft der Nutzfahrzeuge und bereits im Jahre 1921 verlassen die Modelle „Trjota“ und „Tetrajota“ die Hallen des Werkes in der Via Monginevro. Es sind Fahrgestelle, die von der darauf spezialisierten Industrie auf Lastkraftwagen, Reiseomnibusse, Autobusse und Lieferwagen zugerüstet werden. Die vom bewährten Vierzylindermotor des „Kappa“ und des „Dikappa“ angetriebenen Fahrgestelle erweisen sich als derart gelungen und leistungsfähig, dass auch aus dem Ausland zahlreiche Bestellungen eingehen. In Italien nimmt die Bedeutung des Schwertransports immer mehr zu, was nicht zuletzt durch den Ausbau und die Verbesserung des Strassenverkehrsnetzes begünstigt wird. Es werden jetzt wendigere Lastkraftwagen mit einer höheren Nutzlast benötigt. Daher bringt Lancia 1924 einen neuen Laster auf den Markt, der grosse Berühmtheit erlangen soll: den „Pentajota“. Er verfügt über einen auf 4,31 Meter verlängerten Radstand, eine Nutzfläche von 7,77 Quadratmetern und eine Nutzlast von 53 Doppelzentnern. Er darf ohne Übertreibung als einer der ersten wahren Giganten der Strasse bezeichnet werden. Neben dem Warentransport herrscht aber auch Nachfrage im Bereich der Personenbeförderung. Nach Anregung der Stadt Mailand, die den Einsatz von Linienbussen mit einer grossen Zahl von Sitzplätzen plant, macht sich Lancia an die Realisierung des Fahrgestells „Esajota“. Mit einem genialen Scharfsinn, der der Zeit und den herrschenden Forderungen weit voraus ist, wird es von den Lancia Technikern mit profilierten Holmen versehen, die es möglich machen, die Bodenhöhe zu verringern. Einziger Wermutstropfen ist die ungenügende Motorleistung, die seit Kriegszeiten unverändert geblieben ist. Es ist der gleiche Motor, mit dem der 1927 entstandene Lastkraftwagen „Eptajota“ ausgerüstet ist. Aber schon im gleichen Jahr wird das Projekt für ein komplett neues und hochmodernes Fahrgestell in Angriff genommen. Es trägt den Namen „Omicron“ und soll als Linienbus für den Stadt- und Überlandverkehr ausgerüstet werden. Das Triebwerk des „Omicron“ ist ein Sechszylinder-Reihenmotor mit einem Hubraum von 7.060 cm3 und einer Leistung von 91,5 PS. Die hängenden Ventile werden direkt durch zwei Steuerwellen angetrieben, die Hinterachse ist als Tragachse ausgelegt und die Plattform ist tiefergelegt. Der sowohl in kurzer als auch langer Version produzierte „Omicron“ hat Erfolg auf der ganzen Linie. Viele der von der Römischen Strassenbahngesellschaft betriebenen Fahrzeuge legen, zur vollen Zufriedenheit von Unternehmen und Benutzern, im Einsatz mehr als zwei Millionen Kilometer zurück. Kurios ist, dass der als Schlafwagen umgerüstete „Omicron“ auch in der Sahara, zwischen Algerien und dem französischen Sudan, im Linienverkehr eingesetzt wird. Später entwickelt Lancia für dieses Modell einen 93 PS starken 7-Liter-Fünfzylinder-Dieselmotor und bietet damit eine Alternative zum grossen Benzinaggregat, das den „Omicron“ trotz seiner Langlebigkeit und Robustheit in puncto Wirtschaftlichkeit benachteiligt. Wir sind in den dreissiger Jahren angelangt. Lancia erwirbt vom deutschen Unternehmen Junkers die Herstellungslizenz für einen weiteren Dieselmotor. Es ist ein Zweizylinder-Zweitakter mit zwei entgegengesetzten Kolben pro Zylinder, der den neuen Lastkraftwagen „Ro“ antreiben soll. Das in vier Versionen (zwei für den Zivilbereich und zwei für das Militär) gefertigte Modell erhält 1935 Verstärkung durch den „Ro-Ro“ und 1938 durch den „3Ro“ mit Fünfzylinder-Dieseltriebwerk. Die Lastwagenproduktion wird mit dem Esatau und dem Esadelta fortgesetzt und endet 1969 mit dem Esagamma – drei Fahrzeuge, die als die Rolls Royce des Industrietransports in die Geschichte eingegangen sind. Die Militärfahrzeuge Das erste von Vincenzo Lancia konstruierte Militärfahrzeug entsteht im Jahre 1912. Es ist ein Lastwagen mit einer Nutzlast von 22 Doppelzentnern, der vom Generalstab des Heers erfolgreich im Libyen-Feldzug eingesetzt wird. Er heisst „1Z“ und wird vom Motor des berühmten „25-35 HP“ bewegt, mit dem er eine Höchstgeschwindigkeit von 60 Stundenkilometern erreicht. Drei Jahre später tritt Italien in den Krieg ein. Unter den Lastkraftwagen, die Männer, Geschütze und Verpflegungsmittel befördern, finden wir an der Verteidungslinie entlang dem Fluss Piave neben dem „1Z“ zwei weitere Lancia Modelle: „Jota“ und „Diota“. Sie werden von dem gleichen Vierzylinder-Aggregat mit 4.940 cm3 Hubraum und 70 PS Leistung angetrieben, verfügen jedoch über eine auf 24 Doppelzentner erweiterte Nutzlast sowie über unterschiedliche Chassis: länger der „Jota“, kürzer der „Diota“. Es sind nicht die einzigen Lancia Fahrzeuge, die während des Ersten Weltkrieges die graugrüne Uniform tragen. Der Theta wird auch weiterhin für die militärischen Führungsstäbe konstruiert. Auf den Fahrgestellen von „Jota“, „Diota“ und „1Z“ werden dagegen Zugmaschinen für den Transport der Artillerie, Wagen für die Beförderung von Scheinwerfern sowie Krankenwagen und Panzerspähwagen (die von der Firma Ansaldo bewehrt werden) gefertigt. Viele dieser Einheiten, insbesondere die vom Typ „Jota“, werden auch von den Streitmächten der Alliierten eingesetzt. Den grossen Durchbruch erleben die Militärfahrzeuge von Lancia jedoch erst in den dreissiger Jahren, als es dem Dieseltriebwerk gelingt, sich auf dem Markt durchzusetzen. Ein Motor dieses Typs, ein Zweizylinder-Zweitakter, treibt das LKW-Modell „Ro“ an, das für das Heer in zwei vom Radstand und der Nutzlast her unterschiedlichen Versionen produziert wird. Eine davon ist in der Lage, eine Last von 54 Doppelzentnern zu transportieren, genauso wie der „Ro MB“, eine für den Äthiopien-Feldzug konzipierte Militärversion, der ein Vierzylinder-Ottomotor den nötigen Vortrieb liefert. Bis zu seiner Produktionseinstellung im Jahre 1936 bleibt der in einer Stückzahl von rund 600 Einheiten gebaute „Ro“ den italienischen Truppen ein treuer Gefährte. Die technische Entwicklung der Dieselmotoren hat in der Zwischenzeit grosse Fortschritte gemacht. Die Pumpen und Einspritzventile sind perfektioniert worden, die Verbrennungsräume haben eine rationalere Form erhalten und man beginnt, mit den Zündvorkammern zu experimentieren. Lancia beschliesst daher, den Zweitaktmotor aufzugeben und sich auf den simpleren Viertakter zu konzentrieren. So entsteht der “3 Ro”, ein neues Fahrzeug, das von einem originellen Fünfzylinder-Reihenmotor mit 6.875 cm3 Hubraum und 93 PS Leistung angetrieben wird. Dieser Lastwagen wird für die Armee in zwei Versionen gebaut. Sie tragen die Namen MNSP und MNP und verfügen beide über Achtganggetriebe und Hinterachse mit tragenden Achswellen. Während des letzten Weltkrieges wird der Lancia „3 Ro“ von der italienischen Armee in Russland und Afrika eingesetzt, wo er, unter anderem auch in der mit einem 90-Millimeter-Geschütz ausgerüsteten „Artillerieversion“, seine ganze Vielseitigkeit und Zuverlässigkeit unter Beweis stellt. Ab 1943 wird den Dieselversionen der „EsaRo“ mit 80 PS starkem Benzinmotor zur Seite gestellt, von dem insgesamt 400 Stück gebaut werden. Aber zurück ins Jahr 1941. Das Kriegsministerium hat Lancia gebeten, ein Spezialchassis für die Konstruktion von Panzerfahrzeugen zu entwickeln. Das Ergebnis dieses Projekts ist der „Lince“, unter dessen Stahlpanzer (in variierenden Stärken zwischen 14 und 30 Millimetern) ein 60-PS-Motor arbeitet. Er trägt die Bezeichnung „tipo 91“ und stammt, selbstverständlich entsprechend überarbeitet, von dem in enger V-Form ausgelegten Achtzylinder-Motor der ersten Baureihe des Astura ab. Die Kraft wird auf alle vier Räder übertragen, die Räder sind einzeln aufgehängt und die Höchstgeschwindigkeit beträgt 90 km/h. Vom „Lince“, der mit einigen schlichtweg als genial zu bezeichnenden Lösungen für Getriebe und Lenksystem (wie den vier lenkbaren Rädern) aufwartet, werden 250 Exemplare gefertigt. Erwähnenswert unter den Motoren, die ebenfalls vorwiegend im Krieg zum Einsatz kamen, ist der im Jahr 1915 entwickelte Flugzeugmotor mit einem Hubraum von 25.000 cm3, 12 Zylindern in 45-Grad-V-Stellung, doppelter Zündung für jeden Zylinder und einer Leistung von 350 PS, mit dem die im Ersten Weltkrieg eingesetzten Jagdflieger „Caproni“ ausgerüstet waren.
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